Ortsteil-Porträt Gymnich: Der Ritter, der Sumpf und 800 Jahre Reiterprozession
Foto: Schloss Gymnich — Wikimedia Commons, Achim Raschka (CC BY-SA)
Geschichte

Ortsteil-Porträt Gymnich: Der Ritter, der Sumpf und 800 Jahre Reiterprozession

Wer an Christi Himmelfahrt durch Gymnich geht, trifft auf ein Schauspiel, das es in dieser Form kaum ein zweites Mal gibt: hunderte Reiter ziehen in der Morgendämmerung los, um die Grenzen einer Gemarkung abzureiten, die ein Ritter im Nildelta gelobt haben soll. Eine Sage, eine Urkunde und ein Schloss, das einmal Gästehaus der Bundesrepublik war.

Eine Urkunde vom Kreuzzug (1219)

Die Geschichte Gymnichs ist mit einem Namen verknüpft, der in einer Schenkungsurkunde aus dem Jahr 1219 auftaucht: Arnoldus de giminich. Graf Wilhelm von Jülich stellte die Urkunde während des 5. Kreuzzugs aus — der Ritter aus Gymnich war wirklich dort, das ist urkundlich belegt. Der Ort selbst wurde 1121 als „Gimnich" (Geminiacum) erstmals erwähnt und gehörte zum kurkölnischen Amt Lechenich.

Das Gelöbnis im Nildelta

Während des Rückzugs aus dem heutigen Ägypten geriet Ritter Arnold mit seinem Pferd in einen Sumpf — aussichtslose Lage. Da soll er gelobt haben, für den Fall seiner Rettung alljährlich, Gott zu Ehren, einen Ritt um Gymnich zu halten. Kaum war das Gelöbnis ausgesprochen, so die Sage, scheuchte ein Schilfhuhn das Pferd auf, das sich aufbäumte und mit einem großen Sprung festen Boden erreichte.

800 Jahre Gymnicher Ritt

Ob Sage oder historischer Kern — der Gymnicher Ritt ist Realität geworden. Seit rund 800 Jahren pilgern an Christi Himmelfahrt hunderte Reiter und Fußpilger ab dem frühen Morgen entlang der Gemarkungsgrenzen Gymnichs. Historiker sehen die Wurzeln in mittelalterlichen Flurprozessionen: Bittgänge um Segen für die Feldfrüchte und Grenzbegehungen, in denen Zehnt- und Herrschaftsgrenzen bestätigt wurden. Eine solche Grenzbegehung ließ Johann II. von Gymnich 1448 durchführen und notariell bestätigen.

1925 gab Vikar Joseph Weissenfeld dem Ritt seine heutige Gestalt — er knüpfte ihn fest an das Gelöbnis des Ritters Arnold und bezog Schloss und gräfliche Familie ein. Seitdem zieht die Prozession nach dem Hochamt von der Kirche St. Kunibert aus, endet am Rittplatz mit dem sakramentalen Segen und der Segnung der Pferde an der Mariensäule — und geht danach ins Volksfest über.

800-Jahr-Jubiläum & Carl-Schurz-Medaille (2023)

2023 erhielt der Gymnicher Ritt die höchste Auszeichnung der Stadt Erftstadt: die Carl-Schurz-Medaille. Zum 800. Jubiläum wurden zwei Ansteckpins aufgelegt — der Erlös fließt in den Erhalt des Ritts. Der Brauch ist längst überregional bekannt und zieht Pilger aus dem ganzen Rheinland an.

Schloss Gymnich: Gästehaus der Bundesrepublik

Das Wasserschloss Gymnich, an der Erft gelegen, blickt auf eine lange gräfliche Geschichte zurück. Im 20. Jahrhundert diente es als Gästehaus der Bundesregierung — staatliche Gäste der Bundesrepublik wurden hier empfangen. Wer heute am Tor vorbeigeht, sieht nur die Mauern — doch sie tragen die Erinnerung an Empfänge auf höchster Ebene. Das Schloss steht in Privatbesitz.

Ein Dorf, zweigeteilt seit dem 14. Jahrhundert

Ab dem 14. Jahrhundert entwickelte sich Gymnich zu einem geteilten Dorf: Ober- und Niederdorf prägten den Ort, unterschieden in Herrschaft und Zugehörigkeit. Die Pfarrkirche St. Kunibert ist der Mittelpunkt des dörflichen Lebens — und der Ausgangspunkt des Ritts.

Gymnich heute

Gymnich ist mit rund 4.970 Einwohnern (mit Mellerhöfe) ein lebendiger Ortsteil, dessen Identität eng mit dem Ritt verknüpft bleibt. Wer an Christi Himmelfahrt hier ist, erlebt ein Rheinland, das seine Bräuche ernst nimmt — und eine Gemeinschaft, die 800 Jahre Tradition trägt.

Ein Brauch, den man live erlebt haben muss

Wer den Gymnicher Ritt einmal miterlebt hat, vergisst ihn nicht: das Wiehern der Pferde in der Morgendämmerung, die Planwagen, der Schlusssegen am Rittplatz. Vielleicht seid ihr ja schon mal dabei gewesen — an Christi Himmelfahrt, am Straßenrand, zwischen tausend Schaulustigen.

Quellen: Wikipedia (Gymnicher Ritt), erftstadt.de (Gymnicher Ritt), ErftstadtWiki (erftstadtwiki.de), Wikimedia Commons (Schloss Gymnich, Achim Raschka, CC BY-SA).

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