Ortsteil-Porträt Liblar: Schloss, Schurz und das RAF-Versteck
Foto: Schloss Gracht, Herrenhaus — Wikimedia Commons (CC-Lizenz)
Lokales

Ortsteil-Porträt Liblar: Schloss, Schurz und das RAF-Versteck

Mit über 13.000 Einwohnern ist Liblar der größte Stadtteil Erftstadts — und ein Ort, in dem ein römischer Siedler, ein fränkischer Edelherr, ein amerikanischer Minister und die Rote Armee Fraktion ihre Spuren hinterließen. Wer durch Liblar geht, wandelt auf 1.500 Jahren Geschichte: von der fränkischen Siedlung am Herrenhof bis zum modernen Verwaltungsstandort am Rand der Ville.

Eine Siedlung, älter als ihr Name

Die Endung „-lar" verrät es: Liblar ist eine fränkische Gründung aus dem 4. oder 5. Jahrhundert — vielleicht sogar älter. Keramikfunde belegen, dass schon Römer hier lebten. Die fränkische Siedlung mit ihrem Herrenhof lag vermutlich dort, wo heute die Kirche St. Alban steht. Wer dort betet, steht auf dem ältesten Wohnboden des Ortes.

Schloss Gracht: Vier Jahrhunderte Wolff-Metternich

Das Wasserschloss Gracht ist das Wahrzeichen Liblars — und eine Familiengeschichte, die vier Jahrhunderte lang geschrieben wurde. Die Familie Wolff-Metternich saß hier seit dem 16. Jahrhundert. 1658 wurde in diesen Mauern Franz Arnold von Wolff-Metternich geboren, später Fürstbischof von Paderborn und Münster. 1829 kam in demselben Schloss ein Junge zur Welt, der Weltgeschichte schreiben sollte.

Carl Schurz: Der Junge aus Liblar, der US-Innenminister wurde

Carl Schurz floh nach der gescheiterten Revolution von 1848 ins Exil, kämpfte im amerikanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Union und wurde 1877 unter Präsident Rutherford B. Hayes Innenminister der Vereinigten Staaten.

Ein Liblarer im Weißen Haus

Ein Junge vom Rand der Ville, der es bis ins Kabinett der Vereinigten Staaten brachte — eine Geschichte, die so unwahrscheinlich klingt, dass sie fast schon legendär ist. 1957 verkaufte die Familie die Anlage an die Gemeinde; heute ist im restaurierten Schloss eine private Klinik für Stressmedizin untergebracht.

Der Deutsche Herbst 1977: Das RAF-Versteck an der Zum Renngraben

Im Herbst 1977, während der „Deutsche Herbst" die Republik lähmte, spielte sich eines der dramatischsten Kapitel der bundesdeutschen Geschichte in Liblar ab. Am 5. September 1977 wurde Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer in Köln entführt. Die Rote Armee Fraktion (RAF) schleppte ihn durch Verstecke — eines davon lag im Wohnhochhaus „Zum Renngraben 8" in Neu-Liblar.

Die Spur des Dorfpolizisten

So dicht wie der Dorfpolizist aus Erftstadt-Liblar war 1977 niemand der RAF auf den Fersen. Er hatte die richtige Spur — aber sie ging unter im Chaos der Rasterfahndung. Ein fast vergessenes Detail der Nachkriegsgeschichte: Der Terror wohnte Tür an Tür mit ganz normalen Rheinländern. Das Haus steht noch heute; das Register KuLaDig des LVR führt es als Denkmal. Keine Gedenkstätte, sondern ein bewohntes Haus, dessen Wände eine Geschichte tragen.

Liblar heute

Liblar ist infrastrukturell gut ausgestattet — direkt an der Autobahn-Anschlussstelle „Erftstadt" (A 1/A 61) — mit sechs Schulen, elf Kindergärten, elf Spielplätzen und elf Sportanlagen. 15 ausgewiesene Baudenkmäler zeugen von einer reichen Baugeschichte. Ortsbürgermeisterin ist Petra Dünnwald.

Quellen: ErftstadtWiki (erftstadtwiki.de), Stadt Erftstadt (erftstadt.de), Wikipedia (Schloss Gracht, Carl Schurz), KuLaDig (LVR) KLD-287728, DIE WELT / Süddeutsche Zeitung / SPIEGEL (Schleyer-Entführung).

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